Von Nairobis Straßen in Hamburger Schule

Philip Oprong Spenner wuchs auf den Straße Nairobis auf. Heute unterrichtet er an einer Hamburger Schule. Seine Geschichte hat er in dem Buch  „Move on up“ niedergeschrieben.  Ein Interview über verschiedene Konzepte des Lehrerseins und Labeln an Schulen, die mehr schaden als nützen. Von Jens Wiesner

Du bist in Kenia zur Schule gegangen und unterrichtest jetzt in Hamburg. Was war das für ein Gefühl, als Du zum ersten Mal vor einer Klasse standest?

Natürlich war ich hypernervös – wie alle Neuanfänger. Aber bei mir spielen natürlich noch andere Faktoren eine Rolle. Keiner meiner Schüler hatte je einen Schwarzen als Lehrer gesehen. Deswegen haben sie mich zuerst auch nicht als Lehrer wahrgenommen – das konnte ich zum Vorteil nutzen. Manche kamen zu mir: „Hey, Gangsta, gib Check!“ Da ist es natürlich wichtig, wie man drauf reagiert. Wenn ich empört gewesen wäre, hätte ich die Chance verpasst, besser an sie ranzukommen.

Vom Klappentext Deines Buches weiß ich, dass Du in Hamburg an einer „Problemschule“ arbeitest…

Leider! Dieses Wort stammt nicht von mir. Ich wäre der letzte, der meine Schüler als „Problemkinder“ bezeichnet. Mit diesem Label erreicht man doch nur das Gegenteil: Anstatt die Jugendlichen zu ermuntern, ihr Leben trotz schwieriger Situation zuhause in die Hand zu nehmen, brandmarke ich sie als „Problem“, zwänge sie in eine Opferrolle.

Kommen Dir die Probleme der Schüler in Deutschland nicht völlig unbedeutend vor im Vergleich zu allem, was du in Afrika erlebt hast?

Viele Probleme hier sind objektiv natürlich lächerlich im Vergleich zu denen in Afrika. Aber letzten Endes kommt es darauf an, wie man seine Situation ganz persönlich empfindet. Für jemanden, der in einem reichen Umfeld aufgewachsen ist, kann schon der Verzicht auf den neuesten IPod subjektiv viel schlimmer sein als für einen anderen drei Tage ohne Essen auszukommen. Aber ich muss die Nöte meiner Schüler hier ernst nehmen und darf ihnen nicht nur mit „aber in Afrika…“ kommen. Sonst würde ich meine Arbeit nicht gut machen.

Was unterscheidet das afrikanische Schulsystem vom deutschen?

Die Wertschätzung der Gesellschaft ist eine völlig andere: In Afrika genießen Lehrer hohe Anerkennung. In Deutschland dagegen gelten Lehrer oft als Sündenböcke. Nur, wenn etwas schiefläuft, denkt man an sie. Natürlich machen nicht alle Kollegen immer alles richtig, aber sie bemühen sich. Aber: Nur ein Lehrer, der Wertschätzung von der Gesellschaft erhält, kann diese auch weitergeben. Andererseits glauben viele Deutsche, dass es die eine perfekte Methode gibt, um ein guter Lehrer zu werden. So einfach ist es nicht: Jedes Kind ist einzigartig, hat seinen eigenen Charakter. Und darauf muss man sich einstellen: Was für den einen super funktioniert, bringt bei dem anderem vielleicht gar nichts.

Gibt es Erfahrungen aus deiner Zeit in Afrika, die dir jetzt zugutekommen?

Ich habe gelernt, dass es selbst unter grässlichsten Umständen weitergeht, dass man nie die Hoffnung aufgeben darf. Ich habe so viel gewonnen und kann jetzt nur noch dazu gewinnen. Deswegen muss ich auch nicht krankhaft versuchen, mein Gesicht zu wahren, perfekt zu sein.

Aber bleibt dabei nicht die Autorität auf der Strecke?

Man darf sich niemals krankhaft stressen, nur um autoritär zu wirken. Du kannst dich nicht auf Dauer verstellen, das macht dich kaputt. Viel wichtiger ist es authentisch zu sein: Ich bin zum Beispiel nicht immer konsequent – obwohl das alle Lehrbücher fordern. Trotzdem habe ich gelernt, dass ich so bleiben kann wie ich bin und trotzdem meine Schüler erreiche. Denen gibt es Mut, wenn sie merken: Der ist auch nicht perfekt, der hat einen Akzent, macht ab und zu grammatikalische Fehler…

Also geht es auch ganz ohne Strenge?

Natürlich muss man als Lehrer eine gewisse Struktur bieten und den Schülern Grenzen aufzeigen. Aber das Emotionale geht vor! Auf die Beziehung zu den Schülern kommt es an. Wir haben in Deutschland viele Lehrer, die es gut verstehen, einen festen Rahmen zu bieten, aber sie können sich nicht in die Situation ihrer Schüler einfinden. Wenn ein Lehrer seine Schüler aber nicht emotional erreichen kann, gibt es eine Blockade – ganz egal, ob man an der Hauptschule, der Realschule oder am Gymnasium unterrichtet.

Allein Wissen weiterzugeben reicht an vielen Schulen nicht mehr aus. Stattdessen wird von Lehrern erwartet, dass sie Jugendpfleger, guter Kumpel und Familienersatz in einem sind. Wie stark sollte man sich in außerschulischen Problemen einmischen?

Ich habe zuhause meine Tochter und meine Frau, die haben Priorität. Ich kann mich nicht so opfern, dass alles andere zu kurz kommt. Trotzdem gebe ich schon mal meine Handynummer heraus. Aber: Ich kann immer entscheiden, wem ich diese gebe, ob ich rangehe und wenn ja, wie lange ich spreche.

Bist du manchmal überfordert mit dieser Rolle?

Grundsätzlich gilt: Man kann nur für andere da sein, wenn man für sich selbst genug gesorgt hat. Ich darf meine eigenen Probleme nicht bei meinen Schülern abladen. Und zur Autorität als Lehrer gehört auch dazu zu sagen: Hier ist meine Grenze, hier komme ich nicht weiter. Schüler gehen gar nicht davon aus, dass man alle ihre Probleme lösen kann. Manchmal reicht es schon aus, ein ehrliches Lächeln zu schenken, ehrliches Interesse zu zeigen. Als Supermann auftreten hilft niemandem. Die Schüler können dich nur so akzeptieren wie du bist – oder sie akzeptieren dich eben nicht.

Aber die Medien stellen dich doch so gerne als „Superlehrer“ dar, als jemanden, der auf alle Probleme eine Antwort hat.

Das ist natürlich falsch. Es gibt eben auch Schüler, die mit meiner Art nicht klarkommen. Ich bin einmal in einer Baustellenklasse eingesetzt worden und innerhalb kürzester Zeit ist daraus eine Art Musterklasse geworden – zumindest was den Englischunterricht angeht. Wir haben sogar in landesweiten Wettbewerben gekämpft! Aber ausgerechnet in dieser Klasse gab es einen Schüler, an den bin ich einfach nicht rangekommen. Der sagt mir noch heute: „Herr Spenner, ihre Art zu unterrichten hat mir geschadet. Wenn ich sie später haben muss, werde ich mich dagegen wehren!“

Das tut aber schon weh, oder?

Natürlich ist es krass, aber man muss es akzeptieren. Und es gibt mir zu denken: Ich habe meine Grenzen. Das ist unglaublich wichtig: zu akzeptieren, wo die eigenen Grenzen liegen. Nur so kannst du als Lehrer weiter klarkommen.

(Stand Dezember 2011)

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