In Japan als es bebte – ein Erfahrungsbericht

Beschäftigung bis zum Rückflug

Vor Ort bleibt noch eine gute Woche bis zum Rückflug. Um die Mutter zu beruhigen, ruft Michael bei der Botschaft an. „Sie erschien mir als rettend, weil dort neben mir die einzigen Leute waren,  von denen ich wusste, dass sie die Medien in beiden Ländern wahrnehmen“, konstatiert er. „Ich möchte eigentlich ganz gerne bleiben“, sagt er dem Botschaftsangestellten. „Dann bleiben Sie auch!“, fällt dieser ihm ins Wort. Er habe gelesen, dass Flüge aus Deutschland gestrichen wurden, sagt Michael noch. „Ja, das ist typisch deutsch“, ist die Antwort, „das hat der Spiegel gemeldet.“ In Wirklichkeit seien die Flüge nicht abgesagt, sondern verlegt worden. Freie Plätze gebe es auch noch, man käme bei Bedarf also schnell raus. Direkt danach ruft Michael seine Mutter an. Sie ist beruhigt.

Ein Airbus der Französischen Luftwaffe auf dem Flughafen von Osaka.

Um sich zu beschäftigen fährt er auch nochmal zum Flughafen Osaka. Doch schon bei der Ankunft muss er feststellen: Das Gate von Lufthansa ist leer. „Ich habe einen Riesenschreck bekommen!“ Wurden etwa über Nacht die Flüge eingestellt? Doch es ist falscher Alarm, die Maschine ist nur verspätet, weil sie jetzt in Seoul Zwischenstopp macht. Beunruhigt ist Michael trotzdem. Zahlreiche Umleitungen aus Tokio rollen vor seine Kameralinse. Auch zwei Regierungsmaschinen aus Frankreich, die Franzosen nach Hause bringen sollen. „Die Ausländer machen sich ganz schön verrückt“, lästert ein japanischer Besucher. Und auch Michaels Vater kann die Panik nicht verstehen: „Komisch, in Tokio ist doch gar nichts los.“ „Vielleicht wollte er es auch einfach nicht wahrhaben“, fragt sich Michael heute.

Eine Woche vor Rückflug bestätigt sein Vater die Flüge telefonisch. Es gibt keine Probleme, nur eben die Umleitung über Seoul. „Danach ging es mir eigentlich besser. Ich hatte nicht das Gefühl, dass noch Weltbewegendes passieren wird.“ Aber Michael kann trotzdem nicht abschalten. „Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, in meinem Zimmer im Kreis zu laufen, aus schierer Nervosität“, sagt er und lacht. Er unternimmt kaum noch etwas. „Ich habe versucht, das aktuelle Geschehen mitzubekommen, mich aber nicht den ganzen Tag damit berieseln zu lassen.“

Auf der Suche nach Wahrheit

Michael konzentriert sich auf Fakten, versucht seine eigene Wahrheit zu finden. „In Deutschland übertreiben sie manchmal, in Japan untertreiben sie tendenziell, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte“, sagt er heute. Er sei schon jemand, der die Medien kritisch hinterfragt, „aber ich musste am eigenen Leib erfahren, wie unterschiedlich Dinge wahrgenommen werden, je nachdem wie berichtet wird.“ Auch über die Atomkraft und seine Ängste macht er sich Gedanken. „Es ist eine Technologie, die nicht hinreichend erforscht ist, um sie einzuschätzen. Für den Ottonormalverbraucher, aber offenbar ja auch für die Fachleute.“ Und für ihn. „Wenn der Kopf nicht weiter weiß, kommt der Bauch zum Einsatz.“ Michaels Bauch bleibt skeptisch.

An einem Freitag, vier Wochen nach Beginn seiner Reise und zwei Wochen nach dem katastrophalen Beben, landet er wieder in Hamburg. „Gegen Ende hat sich einiges relativiert.“ Auch seine Gefühle lassen nach: „Den Rückflug habe ich ziemlich emotionslos gesehen. Das ist natürlich egozentrisch, die Situation vor Ort hat sich ja dadurch nicht geändert.“ Gegen sechs ist er zu Hause, die Erleichterung ist groß. „Um acht Uhr konnte ich die Tagesschau endlich aus sicherer Entfernung verfolgen“, sagt Michael und schüttelt nachdenklich den Kopf. Das Thema der Sendung: „Verdacht auf Kernschmelze in Fukushima“.

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