In Japan als es bebte – ein Erfahrungsbericht

Vorerst ein sicheres Gefühl

Blick auf den Pazifik bei Osaka, als die Tsunamiwarnung aufgehoben wird.

Am Sonntag unternimmt die Familie einen Ausflug. Im Auto macht sich der Onkel über den Regierungssprecher lustig. „Was wollte er uns eigentlich wirklich sagen?“, fragt er halb scherzhaft. Auf dem Rückweg blicken sie von der Südspitze auf die Bucht von Osaka. Von weit oben betrachten sie das Meer. Plötzlich eine Durchsage: „Die Tsunamiwarnung ist aufgehoben“. „Ich fühlte mich tatsächlich gleich sicherer“, sagt Michael. „Überhaupt habe ich mich an dem Sonntag noch relativ sicher gefühlt.“

Am Abend ruft seine Mutter erneut an. Viele Leute hätten angerufen und sich nach ihm erkundigt, berichtet sie Michael. Ihn rühren die vielen Anrufe, sie klingt beunruhigt. „Die Sorge um das Erdbeben und das Atomkraftwerk hat sich vermischt“, vermutet Michael. Erneut spricht die Mutter vom Rückflug, „ich sehe das Szenario aktuell nicht“, entgegnet ihr Michael, bemüht sich rational zu wirken. Sie will mit dem Vater sprechen. „Es gibt im Moment doch überhaupt kein Problem“, sagt dieser.

„Das war der Moment, ab dem es mir dreckig ging“, sagt Michael.

Das Telefon bleibt am nächsten Tag still. „Ich war eigentlich schon froh, dass sich meine Mutter nicht gemeldet hat“, sagt Michael nachdenklich. „Ich dachte, die Lage fängt an, sich zu stabilisieren“ – und – „ich hab mich subjektiv sicherer gefühlt.“

Streit und Sorgen

Am Dienstag ruft seine Mutter wieder an. Sie ist aufgelöster als zuvor. Michaels Arbeitgeber habe angerufen. Sie will nochmal mit dem Vater sprechen. Dessen Ton wird lauter. Sie spricht von erhöhter Strahlung in Tokio. „Das ist eine Falschmeldung!“, entgegnet der Vater.  Und: „Hör auf! Ich trage die Verantwortung.“ Es kommt zum Streit. Im Hintergrund läuft wie immer der Fernseher. Fukushima-Bilder laufen in Dauerschleife. Michael verlässt das Haus. „Ich konnte es irgendwann nicht mehr sehen und hören.“ Ein längerer Spaziergang soll ihn beruhigen, er will nachdenken. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir die örtlichen Medien halfen, die Lage richtig einzuschätzen.“ In Japan seien die konkreten Folgen, also die Toten, vielleicht einfach wichtiger gewesen, sagt er heute.

Der Vater fährt am nächsten Tag nach Osaka, er will alte Schulfreunde treffen. Michael schließt sich ihm an, er will sich im Internetcafé  informieren. Und die Nummer der deutschen Botschaft herausfinden – sein Reiseführer ist veraltet. Er liest vom Umzug der Botschaft nach Osaka und ist erleichtert. „Wenn die Botschaft nach Osaka zieht, kann man ja davon ausgehen, dass sie sich da sicher fühlt.“ Er liest auch Mails von Freunden: „Viele haben sich eher wegen Erdbeben und Tsunami  Sorgen gemacht.“ Das beruhigt ihn. Rückblickend sagt er: „Als langjährige Atomkraft-Gegnerin hat meine Mutter manche Dinge sicher emotionaler gesehen.“

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