In Japan als es bebte – ein Erfahrungsbericht

Tempel in Kyoto. Zur gleichen Zeit nahm 800km nordöstlich die Katastrophe ihren Lauf.

Fast 9.000 km liegen zwischen Hamburg und Japan, wo sich vor genau zwei Monaten eines der dramatischsten Erdbeben aller Zeiten ereignete. Doch trotz der großen Distanz erlebten auch Hamburger die Katastrophe unmittelbarer, als ihnen lieb sein konnte. Einer von ihnen ist Michael. Von Jannis Frech

Als die Erde vor der Ostküste zu beben beginnt, schlendert Michael* durch die Straßen der alten japanischen Kaiserstadt Kyoto. Sightseeing steht an diesem 11. März auf dem Programm, „irgendwelche Tempel besichtigen.“ Es bleibt ruhig in Kyoto. Auf der Rückfahrt wundert sich Michael, dass die Züge nicht wie gewohnt bis ans Meer fahren. Aber erst von den  Verwandten, bei denen er urlaubt, erfährt der Hamburger was passiert ist. Ein starkes Erdbeben im Nordosten, Tsunamiwarnung für die ganze Ostküste, zunächst 49 Tote. Die Familie hatte sich schon um sie gesorgt. „Die Nachrichten liefen ständig.“ Doch noch deutet nichts auf das wahre Ausmaß der Katastrophe hin.

Ein ganz normaler Familienurlaub

Michaels Vater ist Japaner. Alle paar Jahre reist der 27-Jährige in das Land seiner Vorfahren, besucht Verwandte und Freunde der Familie. Sie wohnen dann im Haus des Onkels. Sein Japanisch nennt Michael „nicht vortragsreif“, aber er kann sich verständigen. Er ist ein besonnener, reflektierter Typ. Oft rational, vielleicht typisch japanisch. Vor drei Jahre war er das letzte Mal im Land. Das Studium, die Diplomarbeit, die Jobsuche kosten zu viel Zeit. Die vier Wochen sind seine ersten Urlaubstage in seinem neuen Job, dem ersten richtigen. Er freute sich sehr auf Japan.

In den ersten Tagen erholt sich Michael vom Jetlag, geht shoppen. Er besucht die Flughäfen in Osaka und Nagoya – er liebt die Luftfahrt, fotografiert gerne Flugzeuge. Vor dem Urlaub hat er sich extra eine neue Kamera gekauft. Auch den bedeutsamen Ise-jingū -Schrein besucht er mit seinem Vater – ebenso einen Park mit 48 Wasserfällen. Das Wetter ist kühl, wechselhaft, oft sonnig. Wärmer als in Deutschland. Michael genießt die freie Zeit. In den Postkarten an seine Freunde schreibt er von entspanntem Alltag. Und dass er sich über den Rücktritt des deutschen Verteidigungsministers freue.

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

9,0 auf der Richterskala erreicht das Erdbeben vor der Küste der Tōhoku-Region. Eine Zäsur für Japan. Mitten in Michaels Urlaub. Er will zuhause anrufen, seine Mutter ist in Hamburg geblieben, die Eltern leben getrennt. Michael braucht fünf oder sechs Versuche, gegen 21 Uhr klappt endlich die Verbindung. „Meine Mutter klang erstaunlich unbesorgt“. Sie wären ja schließlich weit entfernt vom Epizentrum. „Eine Rückreise war absolut kein Thema.“

Über Nacht verschlimmerte sich die Lage in Japan drastisch. „Als wir ins Bett gingen waren es 80 Tote, am nächsten Tag über 1000.“ Die Verwandten sind unterwegs, Michael bleibt zuhause. Er spaziert durch den Ort, das Wetter ist mild. Er will ein Internetcafé suchen, um Freunden zu schreiben. Doch es gibt keins, dafür müsste er nach Osaka. Am Nachmittag erzählt seine Tante, eine Ausländerin habe angerufen. Vielleicht seine Mutter. Auch von einem Atomkraftwerk berichtet sie: „Die Wand ist weggeflogen“. Michael ruft zuhause an. „Ich beteilige mich an den Kosten für einen früheren Rückflug“, bietet ihm die Mutter an. „Wieso denn Rückflug?“  entgegnet er überrascht. Sie: „Hier wird berichtet, dass das Kraftwerk nicht mehr zu kühlen ist.“

Später sitzt die Familie vor dem ohnehin ständig laufenden Fernseher, der Ministerpräsident gibt eine Pressekonferenz. Er erwähnt das Atomkraftwerk nur am Rande, man werde „die ganze Kraft“ darauf richten, es unter Kontrolle zu halten. Ein Sprecher beantwortet Fragen, zentrales Thema ist Fukushima nicht. Die Nachrichtenlagen in Deutschland und Japan driften auseinander.

* Name geändert

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