Quo Vadis Verhältnismäßigkeit?

St. Pauli steht ein Geisterspiel bevor –das erste in der Bundesligageschichte. Der DFB hat entschieden – hart, aber auch fair? Wohl kaum, wenn man die Ereignisse überdenkt und Vergleiche zieht. Von Mira Chopra

Ist das alles noch verhältnismäßig? Jetzt sind einige Worte fällig zu den Geschehnissen rund um den FC St. Pauli seit es zu dem viel diskutierten Becherwurf am Millerntor gekommen ist. Die Fakten: Kurz vor Ende der Partie gegen Schalke 04 am 1. April wurde der Linienrichter Thorsten Schiffner von einem Bierbecher im Nacken getroffen. Er ging kurz zu Boden – ob vor Schreck oder weil er wirklich kurz benommen war, lassen wir hier offen – und „meldete“ den Vorfall dann  dem Schiedsrichter Deniz Aytekin. Dieser brach das Spiel  ab, die Partie wurde später am Grünen Tisch mit 0:2 (das war der Spielstand zum Abbruch) gegen die Kiezkicker gewertet. Der Abbruch durch Aytekin war im Rahmen aller DFB-Statuten, also völlig regelkonform. Ebenso die anschließende Auseinandersetzung des Sportgerichts mit dem Ereignis.

Eine weitere Tatsache, die  weitestgehend unerwähnt bleibt, ist, dass während des Spiels auch zahlreiche Feuerwerkskörper und sogenannte Pyros im Schalker Block gezündet und aufs Feld geworfen wurden. Das – und dafür gebührt Herrn Rangnick ein großes Lob – erwähnte der Schalker Trainer auch unmittelbar nach Abpfiff. Er nahm seine Fans nicht in Schutz und betrachtete die Gesamtsituation.

Gut, die Schalker hatten Glück. Ihre Wurfversuche gingen ins Leere. Anders beim FC St. Pauli. Da traf ein Chaot aus über Tausenden von Fans den Schiedsrichter. Ich bin mir sicher, dass eine deutliche Erwähnung wie unglaublich dumm, gefährlich und unsportlich das Werfen von Gegenständen jeglicher Art auf Schiedsrichter, Spieler oder weiter unten sitzende Fans (auch das erlebt man am Millerntor manchmal) hier eigentlich überflüssig sein dürfte.

Einige Tage nach der Partie stellte der DFB-Kontrollausschuss einen Strafantrag und forderte ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit –also ein Geisterspiel. Dagegen wehrten sich die Kiezkicker. In einer  Pressemitteilung vom Millerntor wurde geschrieben, dass man diesem Strafmaß nicht zustimmen wolle. Stattdessen sei man bereit, eine empfindliche Geldstrafe zu zahlen, die gemeinnützigen Organisationen gespendet werden soll.

Jetzt ist es aber passiert: Der DFB hat sich endgültig für ein Geisterspiel am Millerntor entschieden! Es ist das erste Geisterspiel in der Bundesliga-Geschichte. Der FC St.Pauli wird in den Medien gerne als „der etwas andere Verein“ bezeichnet, aber muss er auch anders behandelt werden? Die Herren in Frankfurt haben sich für eine besonders harte Gangart entschieden, die wahrscheinlich nicht ohne Folgen bleiben wird. Zum Einen werden damit alle Fans, der Verein und auch Werder Bremen bestraft. Gleichzeitig befindet sich die Bundesliga in der finalen Phase: Für die Einen geht es um wichtige Punkte gegen den Abstieg, für andere um einen Platz in europäischen Wettbewerben. Dass ein Spiel vor leeren Rängen zu diesem Zeitpunkt möglicherweise auch eine Wettbewerbsverzerrung sein könnte, scheint den DFB nicht zu interessieren. Direkte Konkurrenten von Werder wünschen sich sicher, dass die Bremer in der Partie dem St. Pauli – Roar ausgesetzt sind und nicht ablenkungsfrei das Paulianer Tor bestürmen dürfen.

Neben diesen sportlichen Aspekten sind auch die Folgen rund um das Stadion jetzt nicht absehbar. Auf dem Blog Fabulous Sankt Pauli werden mit Recht die Konsequenzen für die Hamburger Polizei angemerkt. Die Zahl der wütenden Fans und darunter auch zahlreicher Chaoten wird groß sein. Man kann nur hoffen, dass ein möglicher Appell von St. Pauli an seine Anhänger, friedlich zu bleiben, Wirkung zeigt. Im Fanforum von St.Pauli wird schon heftig darüber diskutiert, welche friedlichen! Aktionen während des Geisterspiels veranstaltet werden könnten. Dabei ist es den Anhängern vor allem wichtig, ein Zeichen gegen den DFB zu setzen und die eigene Mannschaft nicht ohne lautstarken Support spielen lassen zu müssen. Vielleicht werden sich auch Fans anderer Vereine an dem Spieltag kritisch mit der Entscheidung auseinandersetzen.

Der Landesvorsitzende des Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) kritisiert das Urteil in einem Bericht des Hamburger Abendblatts ebenfalls scharf: „Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen, aber deswegen darf man nicht einen ganzen Verein und die Fans von zwei Mannschaften in Geiselhaft nehmen. Hier soll ein Exempel statuiert werden. Gleichzeitig wird massiv in den Abstiegskampf eingegriffen“, sagte der Hamburger BDK-Landesvorsitzende André Schulz. Recht hat er.

Was war denn bei anderen Ereignissen, bei denen Schiedsrichter oder Spieler durch Gegenstände getroffen wurden? Durch Feuerzeuge oder Schlüsselanhänger. Bei wie vielen Partien müssen die Schiedsrichter nach dem Spiel mit Regenschirm-Schutz vom Platz geleitet werden? Dann prasseln regelmäßig Becher, Feuerzeuge oder andere Gegenstände auf sie ein, sie werden nur nicht getroffen, weil sie geschützt werden. Aber ändert das irgendwas an der kriminellen Energie der werfenden Fans und einer Gefahr im nächsten Spiel? Nein. Lieber DFB, das kann nicht euer Ernst sein.  Als wären Horden von St. Pauli-Fans auf den Platz gestürmt und hätten versucht, die Schiedsrichter zu lynchen. Dann könnte man St. Pauli  nachsagen,  die Ordner des Vereins hätten die Fans nicht im Griff. Aber ein Becherwurf (auch hier erwähne ich nur zur Sicherheit noch einmal wie endlos dämlich ich die Wurf-Aktion finde)? Das kann und darf nicht wahr sein!

Kein Verein kann für jeden einzelnen Fan eine solche Verantwortung übernehmen bzw. dann so bestraft werden, denn Idioten gibt es überall. St. Pauli ist bekannt für seine intensive Fanarbeit und hat eine Geldstrafe angeboten, für die sie den Werfer mit Recht auch belasten könnten. Das sollte reichen.

Viele Worte zu dem Ereignis und der Entscheidung des DFB, doch zurück bleiben nur Kopfschütteln und absolutes Unverständnis.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Sport, St.Pauli-Blog

Eine Antwort zu “Quo Vadis Verhältnismäßigkeit?

  1. Laura

    Finde die Becher-Aktion auch selten dämlich, aber deinen Kommentar gut 🙂

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