Wir wollen doch nur wohnen

Hohe Mieten, teure Immobilien, Gentrifizierung und Leerstand. Das Thema Wohnungsnot ist in Hamburg (wieder einmal) hochaktuell. Es gibt kaum jemanden, der nicht von deprimierenden Erlebnissen bei der Wohnungssuche berichten kann.

„Von Wohnungsnot kann nicht die Rede sein.“ Dieser Satz der neuen Bausenatorin Jutta Blankau lässt aufhorchen.Auch wenn die von der Mopo überlieferte Aussage noch weiter geht: „In angesagten Vierteln gibt es einen Wohnungsmangel. […] Aber in vielen Stadtteilen gibt es Wohnungen zu bezahlbaren Preisen. Viele dieser Stadtteile müssen allerdings attraktiver werden“ – für diese Äußerung erntete Blankau harsche Kritik.

Der Mietverein zu Hamburg äußerte sich dabei auch via Abendblatt: „Unsere neue Senatorin sollte sich mal mit Familien unterhalten, die eine größere Wohnung suchen. Selbst Besserverdienende haben Riesenschwierigkeiten, in halbwegs vernünftiger Lage eine ihrem Einkommen entsprechende Wohnung zu finden.“ Bereits im Februar warnte der Verein vor Wohnungsnot. Und die Statistik ist eindeutig: Die Anzahl neuer Wohnungen geht seit Mitte der 90er kontinuierlich zurück.

Auch das diakonische Werk schaltet sich ein: „Für große Familien, arme Menschen, Behinderte, Migranten oder Obdachlose sei es so gut wie unmöglich, passenden Wohnraum zu finden“, sagte Diakonie-Vorstand Gabi Brasch am Montag bei der Vorstellung eines Zehn-Punkte-Programms. Und die Linke ist offenbar von Blankau persönlich enttäuscht: „Von einer Gewerkschafterin hätte ich wirklich ein anderes Herangehen an die bedrückende Situation am Wohnungsmarkt erwartet.“

Mietwohnungsmarkt ist „angespannt“

Das Thema ist beileibe nicht neu. So gab es schon im vergangenen Jahr eine Demo. Und 2010 sprach auch die SPD (damals noch in der Opposition) von Wohnungsnot. Findige Baustoffhersteller sehen das Thema sogar als entscheidend für die diesjährige Wahl an. In einschlägigen Immobilienkreisen kann man es aber auch ganz nüchtern lesen: „In keiner anderen deutschen Großstadt ist der Mietwohnungsmarkt so angespannt wie in Hamburg.“

Betroffen davon: eigentlich alle. Entsprechende Klagen gibt es ohne Ende. Eine Wohnung mieten ist „Horror“, Angebote sind „viiiiiiieeeeel zu teuer!!!“ und Suchende sind „langsam echt am verzweifeln“. Bei den Studenten sieht’s gewöhnlich nicht besser aus: „Sich immer wieder in eine lange Schlange vieler Mitbewerber einzureihen und zu hoffen, einen Mietvertrag zu ergattern – oft ohne Erfolg.“ Der Begriff Wohnungsnot ist in aller Munde.

Viele Immobilien stehen leer

„Hamburg fehlen 90.000 Wohnungen“, meldet das Abendblatt. Das Kuriose dabei: Es gibt massive Leerstände in der Stadt, vor allem bei Büroimmobilien. Doch dagegen regt sich Protest: Das Hamburger Obdachlosenmagazin Hinz & Kunzt beispielsweise ist schon seit einiger Zeit mit der Kampagne „Tu was dagegen“ aktiv. Wenn also ein Papphäuschen begegnet oder ein Leerstands-Plakat, dann wisst ihr was Sache ist.

Gentrifizierung und Privatisierung

Doch wo liegen die Gründe für die Hamburger Wohnungsnot? Einher mit Bevölkerungszuwachs, sinkender Neubauquote und fragwürdiger Stadtentwicklungspolitik geht vor allem ein Begriff: Die Gentrifizierung. Auch dieses Problem beschäftigt Hamburg schon länger – und der Widerstand kann inzwischen auf ein beachtliches Netzwerk zurückgreifen. Kampagnen gegen IKEA in Altona, das Bernhard-Nocht-Quartier (BNQ) oder für das Gängeviertel sind beispielhaft und konnten große Aufmerksamkeit erlangen.

Auch die Privatisierung von Wohneigentum gehört zweifellos zum Thema. Vor allem das Gebaren der ehemals „Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten“, kurz GAGFAH, erzürnte die Gemüter und sorgte für Proteste. „Es ist schlicht und ergreifend eine Frechheit, wie einige Unternehmen ehemaliges Staatseigentum (gehört dem Bürger!) aufkaufen um sich persönlich massiv zu bereichern und das betreffende Objekt und die Bürger (Kunden) auszupressen“, schimpft Blogger Holger dazu im „Reizzentrum“. In Dresden hatte die Stadt übrigens die Schnauze voll und verklagte das Unternehmen.

Pläne alleine helfen nicht

Wie soll es also weitergehen mit der Wohnungsnot in Hamburg? Konkrete Forderungen gibt es einige. Und das Abendblatt zeigte sich angesichts eines städtischen Zehn-Punkte-Plans von Wohnungsbaukoordinator Michael Sachs sogar schon optimistisch. Bei den Aktivisten ist man da skeptischer: „Herr Sachs wird mit dieser Einstellung auf den massiven Widerstand breiter Schichten und sicher auch auf den vieler Bezirkspolitiker treffen.“  Und auch die Linke kritisiert die Pläne.

Fakt ist: Von Wohnungsnot MUSS die Rede sein. Der neue Senat hat damit eine immens wichtige Aufgabe vor sich. Er sollte sie ernst nehmen.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Alltag, Politik

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s