Kultur: Lesen gegen Vattenfall

„Ich fände es sehr nachdenkenswert, wenn es mal ein Jahr keine Vattenfall Lesetage gäbe und man stattdessen überall mit Vattenfall über Moorburg und die störanfälligen AKW diskutierte“, sagte die Initiatorin des Kulturwerk West, Sigrid Berenberg, vor drei Jahren. Das Diskussionsforum boykottierte damals das größte Literaturfestival Norddeutschlands. Heute sind sie Teil der Bewegung, die sich gegen die Veranstaltung formiert hat.

Zum 13. Mal finden die Vattenfall-Lesetage in diesem Jahr statt. Bis jetzt waren sie eine feste Größe im Kulturprogramm Hamburgs. Unterstützt von der Hamburger Kulturbehörde, dem NDR und dem Abendblatt, wartet das Literaturfestival mit über 140 internationalen Künstlern an 90 Veranstaltungsorten auf. Literarische und musikalische Größen sind dabei.  So liest Zeit-Autor Harald Martenstein auf Kampnagel aus seinem neuen Roman  „Gefühlte Nähe“. Begleitet wird er am Klavier von Sängerin Anna Depenbusch.

Es schien ein Pakt im stillen Einverständnis zwischen Stadt, Künstlern, Medien und Besuchern zu sein. Ihr finanziert uns Raum für unsere Gedanken, unsere Arbeit. Und wir lassen euch Teil davon sein, geben euch unseren Namen. Doch gegen die Lesetage hat sich eine Bewegung formiert. Schon vor den dramatischen Ereignissen in Japan. Das öffentliche Bewusstsein gibt ihr nun einen entscheidenden Moment.

Zum ersten Mal finden unter dem Motto „Lesetage selber machen –Vattenfall tschüss sagen“ die alternativen Lesetage statt. Es ist eine Initiative von Bürgern und Verbänden, die mit dem positiven Kultur-Image des Konzernriesen Schluss machen wollen. Zu den Initiatoren gehören Bürgervereine und Gewerkschaften ebenso wie der Filmemacher Hans-Peter Weymar und Gymnasiallehrer Ralph Busch.

„Ob als Publikum oder Akteure, wir wollen nicht mehr darüber hinwegsehen und uns nicht mehr ablenken lassen vom schmutzigen Kerngeschäft des Energiekonzerns“, heißt es im Programm. „Mit seinen Plänen, die AKW Krümmel und Brunsbüttel wieder ans Netz gehen zu lassen, bedroht er eine ganze Region.“ Vom 6. bis zum 15. April  finden rund 50 Veranstaltungen an 40 Orten statt.  Den Auftakt macht Harry Rowohlt: Der Übersetzer und Gelegenheitsschauspieler liest und erzählt am 6. April, um 20 Uhr, im Übel & Gefährlich.

Die Idee schlug Wellen. Die Unternehmer gegen Atomkraft und der Umweltverband Robin Wood sprangen auf und ergänzten das Festival. Unter dem Motto „Lesen ohne Atomstrom“ finden in der Schanze und vor dem AKW Krümmel weitere Lesungen statt. Prominent unterstützt: Nobelpreisträger Günter Grass, Punklegende Nina Hagen und Kolumnist Feridun Zaimoglu treten für die Anti-Atom-Bewegung auf. Honorarlos.

Berenbergs Szenario scheint zum Teil eingetreten zu sein: Die Diskussion um die Atomkraft und Vattenfalls Rolle ist erneut entfacht. Getragen wird sie nicht von Politik und Medien allein. Das kulturelle Bedürfnis der Menschen findet seinen Weg. Vattenfalls 13. Lesetage stehen nicht nur im Schatten der Debatte um die Kernenergie. Sie müssen sich gegen ein Programm behaupten,  das von Hamburgern selbst  initiiert wurde und das hinterfragt.

Ob sich der Energie-Multi der Diskussion  stellen wird, bleibt abzuwarten. Im Moment gibt man sich eher  zuversichtlich als nachdenklich: „Das Interesse bei unseren Besuchern ist ungebrochen. Allein im vergangenen Jahr nahmen mehr als 12.000 Kinder und Erwachsene an den 122 Veranstaltungen teil. Diese Abstimmung mit den Füßen ist für uns Vertrauensbeweis und Ansporn zugleich“, sagte Vattenfall-Presseprecher Stefan Kleimeier der Welt.

Doch das war im vergangenen Jahr. Vor dem alternativen Lesefestival. Und vor Fukushima.

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2 Antworten zu “Kultur: Lesen gegen Vattenfall

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